In Berlin, Meinung, Unterhaltung

PROLOG
Vor zwei Wochen: Meine zauberhafte Lebensgefährtin eröffnet mir freudestrahlend, dass sie ihrer Freundin zum Geburtstag einen Theaterbesuch im Reneesans, äh Rainessens… nee auch nicht, also da in dem Theater mit dem französischen Namen schenken möchte. Die Wiederaufführung eines Stückes, das sie in der 8Oziger Jahren schon mal gesehen hatte. Okay, denke ich, tolle Idee – Respekt. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende, jetzt kommt’s: ich soll mit. Gut denke ich, etwas Kultur kann selbst mir nicht schaden und freue mich verhalten pro forma. War ja noch Zeit, vielleicht bricht bis dahin dort ein Feuer aus, die Schauspieler fallen einer Epidemie zum Opfer oder das Theater wird von Flüchtlingen belegt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Was soll ich sagen, nichts der Gleichen geschieht und die Stunde Null ist gekommen. Also ab mit den Mädels in das Rennässanz…also dieses französische Dingsda Theater. Wegen der zu erwartenden Parkplatznot fahren wir mit meinem Auto. Nicht etwa, weil das kleiner ist als das meiner Mitbewohnerin, sondern weil ich bei der Wahl des Parkplatzes deutlich liberaler eingestellt bin, als es die Straßenverkehrsordnung häufig vorsieht (darf man eigentlich so nicht öffentlich sagen, oder?). Jedenfalls behindere ich dabei niemanden, sondern leiste höchstens schwachen Protest gegen unnütz aufgestellte oder einfach vergessene Parkverbotsschilder von ehemaligen oder derzeit nicht erkennbaren Baustellen. Das Ergebnis wird von allen geschätzt: Der Laufweg wird extrem verkürzt. Aber siehe da, an diesem Abend stimmt bisher alles, ich finde einen legalen Parkplatz, quasi in Reichweite des Theaters. Das euphorisiert mich derart, dass ich sogar die daneben stehende Parkuhr mit ausreichend Kleingeld bestücke.

DAS UMFELD
Im Theaterfoyer treffen wir auf ein sehr gemischtes Publikum, aber eben auch viele Damen und Herren in unserem Alter. Dabei fällt mir auf, dass andere im gleichen Alter immer älter aussehen als man selbst. Hoffentlich denken die nicht das gleiche wie ich, schießt mir so durch den Kopf. Manche versuchen sich jünger zu machen, indem sie Sachen tragen, die noch älter sind als sie selbst. Was da so aus den Kleiderschränken gezaubert wird, um sich für einen Theaterabend mal fein zu machen, würde selbst Guido Maria Kretschmer in den Wahnsinn treiben. Doch was rede ich hier, war doch der Anlass für unser hiersein ein ganz anderer. Endlich Einlass, für uns heißt das erstmal weiter stehen bleiben, da unsere Wunschplätze meist außen sind und gerade die mit den Mittelplätzen dazu neigen, besonders spät aufzutauchen. Man kann das nun sportlich sehen und im Sekundentakt aufstehen und sich wieder setzen, hat aber dann das fatale Problem, dass sich im Laufe des weiteren Abends die Knie nachhaltig gegen dieses unvernünftige Verhalten beschweren. Die Reihe ist voll, wir sitzen, es geht los.

DIE BEGEISTERUNG
Und was dann losgeht, ist ein Erlebnis der feinsten Art. Ein Theaterstück mit 3 Personen. Es geht um Kunst. Einer von 3 Freunden hat sich ein Bild für 200.000 Francs gekauft, es ist schlicht nur weiß, mit weißen Streifen. Darüber haben die drei Herren derart verschiedene Ansichten, dass es zu mittelschweren Auseinandersetzungen führt, zu teils handgreiflichen Diskussionen über den Wert von Kunst und im Laufe der Geschichte ihre Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe stellt. Diese schlichte Grundidee ist von der Autorin ebenso differenziert wie unglaublich komisch ausgeschmückt, und hat mich echt begeistert. Habe selten einen so unterhaltsamen Theaterabend erlebt. Anderthalb Stunden ohne Punkt und Komma, ein Boulevardstück der Sonderklasse. Ich bin mir sicher, dass der beeindruckende Erfolg des Abends natürlich unzertrennbar mit der Besetzung dieser drei männlichen Perlen des deutschen Theaters verbunden ist. Und wenn ich dieses Stück wirklich jedem ans Herz legen kann, dann möglichst in dieser grandiosen Besetzung Gerd Wameling, Peter Simonischek und Udo Samel.

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DAS ENDE
Das war der Hammer! Hat übrigens stattgefunden im Renaissance Theater (habe ich jetzt gegoogelt), das Stück heißt KUNST und ist von der Autorin Yasmina Reza. Leider gab es nur zwei Vorstellungen im Programm. Sollte das mal wieder irgendwo gespielt werden, seht es euch an, es lohnt sich wirklich.

Vielleicht entdeckt es ja jemand auf einem Spielplan und informiert unsere Gemeinde dann darüber. Bis die Tage Jungs.

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