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Es gibt Menschen, die haben panische Angst vor dem Zahnarzt. Allein die Vorstellung demnächst wieder mit dem martialischen Geräusch eines Bohrers konfrontiert zu werden, versetzt sie in sofortige Schockstarre. Das Ergebnis ist ja weitläufig bekannt. Im Alter sind die Herrschaften dann mit ihren Karies unterwanderten Zahnstümpfen beliebte Patienten, die dem Zahnarzt mit der Restaurierung der Kauleiste zwar viel Arbeit bereiten, ihm aber das luxuriöse Eigenheim sichern. Der eine kann wieder richtig kauen, hat aber nichts mehr zu beißen – der andere, na ja, hat eben das Eigenheim. Eine etwas unglückliche win-win-Situation.

Nun hatte ich das Glück, schon mit ganz jungen Jahren einen Zahnarzt gefunden zu haben, als der noch nicht mal wusste, dass er mal einer werden würde. Wir saßen nämlich in der Grundschule zwar nicht direkt nebeneinander, aber immerhin in der gleichen Klasse. Erst viele Jahre und einige untalentierte Weißkittel später, empfahl mir ein Bekannter einen einfühlsamen Zahnarzt mit einem besonderen Faible für ausgesprochen hübsche Assistentinnen. Im heranreifenden Alter von Ende 20 war das ein unschlagbares Argument. Damals war mein Erinnerungsvermögen noch deutlich ausgeprägter als heute und als der bekannte Name fiel, war es an der Zeit eine uralte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen. Ein Entschluss, den ich bis in die nahe Vergangenheit nie bereut habe. Nicht nur weil es ihm gelang, mir jedwede Angst vor einem Zahnarztbesuch zu nehmen, sondern weil meine Beißerchen auch so professionell umsorgt wurden, dass ich nach wie vor genügend Biss habe. Was nicht nur beim Essen von Vorteil ist. Und weil er nicht nur Fröhlich heißt, sondern von Natur aus auch so ist, habe ich ihn mein halbes Leben vergnüglich und angstfrei besucht. Bis auf ein einschneidendes Erlebnis Anfang November 2015.

Ein wunderschöner Herbsttag, der in keiner Weise erahnen ließ, was auf mich zukommen sollte. Relaxt und beschwingt betrat ich auch an diesem Vormittag die Praxis. Erst ein unbefangenes Pläuschchen mit dem sympathischen Mädel am Empfang, selbst bei der folgenden routinierten Übergabe der Versicherungskarte kam noch kein Verdacht auf. Mit lockeren Schritten schlenderte ich in den Warteraum, voller Vorfreude auf die wie üblich ausliegenden Promiblätter. Mit einer Gala in den Händen versank ich erst zufrieden in einem der stylischen Ledersessel und dann in einen Artikel über die neue Liebschaft von Sylvie Meis zu unserem Nationalspieler und Ausnahmefußballer Sami Khedira. Wird die eigentlich nie klug? Oder war sie es vielleicht nie? Egal. Ich war noch nicht mal bis in die Details ihres ersten Rendezvous gekommen, als die friedliche Situation komplett aus den Fugen geriet. Mit betont harmloser Miene stand plötzlich mein Zahnarzt Fröhlich fröhlich neben mir, ein Papier in der Hand. Er wolle meine Meinung zu einer Gestaltung einholen, die er selbst entworfen hatte, leitete er scheinheilig den Smalltalk ein. Mein geschulter Blick überflog die Gestaltung und bevor ich die formale Machart beurteilen konnte, bohrte sich mir die hässliche Botschaft mitten ins Herz. Die äußerliche Reaktion mag mich optisch in die Nähe von Mesut Ösil gebracht haben, innerlich überfiel mich ein Gefühl der Leere. Erklärte mir der Kollege doch auf diese etwas hinterfotzige Art, dass er demnächst eintütet. Nun gut, mit 67 ein durchaus erklärlicher Wunsch seine Praxis zu übergeben, aber alles in allem doch sehr egoistisch. Einen ehemaligen Schulkameraden in fortgeschrittenem Alter so plötzlich ohne Vorwarnung im Regen stehen zu lassen – nein, sowas macht man nicht.

Was mache ich nur jetzt, allein und ohne beißtechnische Betreuung vom Arzt meines Vertrauens. Passend zur Jahreszeit empfängt mich tiefe Düsternis. Ob ich mich jemals daraus befreien kann? Wie diese unsägliche Geschichte weitergeht, vermag ich noch nicht zu sagen, aber ich werde es euch beschreiben, wenn ich wieder dazu in der Lage bin. Bis dahin trauert mit mir.

Fan

 

P.S. Also ich gebe zu, habe meine Reaktion beim Schreiben etwas dramatisiert. Denn wenn einer seiner Ruhestand verdient hat, ist er es. Als kleinen Trost hat er mir aber versprochen, dass seine überaus sympathische Assistentin der Praxis erhalten bleibt. Und wer weiß, ob ich noch von ihm hätte behandelt werden wollen, wenn wir beide die 70 überschritten haben. Ich wünsche ihm jedenfalls von dieser Stelle alles, alles Gute. Machet jut alter Junge. Hier noch ein historisches Bilddokument aus einer Zeit, wo noch keiner genau wusste, wem man später mal auf den Zahn fühlen würde.


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